Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e.V.

Kreisvereinigung Ortenau

14.03.2014
MC Kuhle Wampe Freiburg

Ein antifaschistischer Reisebericht

Die Vorgeschichte beginnt 1943. Deutschland hat die Schlacht um Stalingrad verloren. Die Amerikaner landen auf Sizilien. Italien schließt mit Briten und Amerikanern einen Waffenstillstand. Deutschland besetzt Norditalien und den bis dahin freien Teil Vichyfrankreichs. Die Partisanen in Italien , die Resistance in Frankreich erhalten Zulauf, werden stärker. Der Südosten Frankreichs, der bis dato durch Staatsverträge mit Deutschland von Italien annektiert und verwaltet wurde, wird über Nacht zum rechtsfreien Raum. Es finden sich viele Maquisardsgruppen (Maquis = Gebüsch), auch im Departement Drome. Das ist das Ziel der hier beschriebenen Reise. Pro Maquisard gibt es in der Regel einen Unterstützerhintergrund von 2 bis 3 Personen, die diesen versorgen, verstecken, kleiden u.v.a.

20.Februar 2014, 10 Uhr30.

Ein Reisebus mit Freiburger Kennzeichen bewegt sich auf der Autobahn Richtung Süden. In Neuenburg steigt Arlette Hasselbach zu. Sie ist Präsidentin des AFMD*

Haut Rhin im Elsass. Die Reisegruppe ist nun vollständig mit weiteren Personen des Deutsch Israelischen Arbeitskreises aus Kenzingen und Mitgliedern der VVN *.

Das Gros der Teilnehmer wird gestellt von Mitgliedern des Motorradclubs Kuhle Wampe, die den größten Teil der Reise, Bus, Unterkunft, Verpflegung u.a. organisiert haben.

20.Februar 2014, 19 Uhr: Ankunft in Eygalayes, einem 70 Seelen Dorf im Departmenent Drome, östlich des Mont Ventoux. Hier fand am 22.Februar 1944 eines der schlimmsten Massaker des 2. Weltkrieges in Südeuropa statt. Die Unterkunft befindet sich in einer abgelegenen Ferme-Auberge, deren Zufahrt nicht sehr busgeeignet ist. Aber die Freunde vor Ort haben mit ihren Privat PKW und einer Camionette einen Shuttle oragnisiert. Der Bus bleibt erst mal im Dorf

22.Februar 1944, morgens:

Ein regulärer deutscher Truppenteil, die Division Brandenburg, verstärkt durch Milizen des Vichy Regimes, fährt mit Zivilfahrzeugen von mehreren Himmels- richtungen auf Eygalayes zu. Zwei Maquisards waren vorher mit hohen Geldbeträgen bestochen worden und bereit, ihre Kameraden zu verraten. Diese halten sich zu diesem Zeitpunkt in und in der Nähe einer Ferme auf. Als die Deutschen auftauchen, können nur noch fünf zu den Waffen greifen, werden aber schnell von der Übermacht erschossen. Unter diesen fünf, Alfred Epstein, ein deutscher Jude aus Kenzingen. Die Truppen nehmen die anderen Maquisards gefangen, brennen den Ortsteil, Ferme, Kirche und Schule, nieder. Die übrig gebliebenen 31 Maquisards werden nach Eygalayes gebracht und dort nach kurzem Verhör an die Wand gestellt. Als die Truppen die Exekution beginnen, rennen der 24 jährige Laurent Pascal und ein weiterer Kamerad um ihr Leben. Letzterer stirbt unter dem Kugelhagel. Laurent gelingt es barfuss über den Schnee zu entkommen. Laurent überlebt und stirbt als einziger Zeuge im hohen Alter im Februar 2013.

* Association des amis de la fondation pour la memoire de la deportation

* Vereinigung der Verfogten des Naziregimes

21.Februar 2014, 9 Uhr:

Josette Fournié, 60 Jahre alt, Betreiberin der Ferme "le Casage", frauenbewegt, ökologisch, links, begrüßt alle Teilnehmer zum Frühstück. Auch Robert Pinel, über 70, und immer mit Anzug und Krawatte, lässt es sich als Vorsitzender des AFMD des Departements nicht nehmen die Gäste zu begrüssen und zu einem Ausflug ins nahe gelegene Sisteron zu begleiten. Die Aufnahme vor Ort auf der Ferme ist herzlich, aber die deutsche Gruppe fragt sich, wie sich die Bevölkerung verhalten wird. Gibt es noch Ressentiments gegen Deutsche ? Le Pen und seine Partei sind hier stark. Geht nicht auch ein Riss durch hiesige Bevölkerung ? Bisher wurde der Toten jedes Jahr an Christi Himmelfahrt gedacht, aber eher aus praktischen Gründen, da die Region im Februar regelmäßig unter großen Schneemassen lag. Eine Räumung ohne technisches Gerät war in früheren Jahren nicht möglich. Diese Feier ist also in vieler Hinsicht eine Premiere.

22.Februar 2014, 11Uhr:

Vor dem Gotteshaus in Eygalayes versammeln sich Gläubige und andere Besucher um an einem außerplanmäßigen Gottesdient anlässlich des 70.Jahrestages des Massakers teilzunehmen. Der Pfarrer, ein weißhaariger schlanker Mitfünziger, der auch als typischer Bauer der Region durchgehen könnte, erzählt, dass Eygalayes im Winter normalerweise nicht zu den 150 "Clochers" (=Kirchtüme) gehört, die von der Kirche bedient werden. Heute sei aber das Gedenken an die Maquisards vorrangig. Während des Gottesdienstes werden die Gäste gefragt, ob sie einen Beitrag leisten wollen. Spontan singen zwei Mitglieder der Reisegruppe, ein Beamter aus Herbolzheim und ein Kommunist aus Freiburg, eine Strophe der "Moorsoldaten", entstanden 1933 in einem norddeutschen Konzentrationslager. Sie singen diese Strophe auf französisch, obwohl der Beamte der Sprache kaum mächtig ist. Die Gemeinde in dem kargen, unbeheizten Kirchenraum summt zunächst und singt dann mit. Das Eis scheint zu brechen. Nach dem Gottesdienst gehen beide Gruppen aufeinander zu, in der Mitte der Pfarrer. Eine knapp 70 Jährige berichtet, wie ihr Vater 1944 geholt wurde, um die Leichen der Erschossenen in der Kirche aufzubahren. Nicht alle wurden identifiziert. Es waren meistens junge Franzosen, keine 20 Jahre alt, aber auch Italiener, Rumänen, Spanier, Polen, Christen, Ateisten, Menschen muslimischen Glaubens und zwei Juden aus Deutschland, darunter Alfred Epstein. Insgesamt befinden sich sechs jüdische Grabsteine auf dem Friedhof am Memorial.

Die Initiative zu dieser Reise ging von Hans - Peter Goergens aus, ein ehemaliger Gewerkschafter aus Offenburg, jetzt Unruheständler, der zielstrebig und zäh versuchte, an diesem Jahrestag die Heimatgemeinde Epsteins zu einer Beteiligung, zumindest zu einer Geste zu bewegen. Epsteins ehemaliges Haus ist inzwischen mit einem Stolperstein mitten im Ort markiert Aber das Gymnasium und andere winkten ab. Immerhin gab der Bürgermeister nach anfänglichem Zögern ein Schreiben an die Gemeinde Eygalayes mit und auch das Geld für ein Blumengebinde. Die Anfrage Goergens´ beim Motorradclub Kuhle Wampe wurde allerdings spontan mit Zustimmung beantwortet. Die Mitglieder dieses Clubs verstehen sich als Antifaschisten, sodass jetzt eine Delegation unterwegs war, die sich sehen lassen konnte.

22.Februar 2014, 12 Uhr 15

Die "Mairie", das Bürgermeistergebäude auf dem "place des femme" (Platz der Frauen) ist heute geschmückt mit der Europafahne, der Tricolore, der Fahne der VVN,der Fahne des Motorradclubs Kuhle Wampe und der Clubfahne von Kuhle

Wampe Freiburg. Man sitzt gemischt beieinander bei einem kleinen Snack und vielen Gesprächen. Überraschenderweise heißt es trotz Snack auch noch "Mittagessen!" Es gibt ein kaltes Buffet, sehr süffigen Rosé, Käse dazu, das Ganze an langen Tischen mit Papiertischdecken. Die Deutschen fühlen sich wie Gott in Frankreich. Der Pfarrer sitzt auch dabei.

14 Uhr 15: Die Sonne knallt vom Himmel. Die Delegation macht sich gemeinsam mit den neuen französischen Freunden auf den Weg. Das ergibt ein sehr buntes Bild. Seriös gekleidete französische Ehepaare im Sonntagsstaat, Familien mit Kindern, rote Fahnen, eine Gruppe kommunistischer Gewerkschafter aus Aix en Provence, sowie die starke Gruppe kräftiger Biker, teilweise mit weitgereister schwarzbunter Rockerkutte, Bärten und coolen Sonnenbrillen.

15 Uhr: Vor dem weißen Memorial versammeln sich knapp 100 Personen. zwei Bürgermeisterinnen tragen die offizielle Tricoloreschärpe. Zugegen sind auch Landräte und weitere Honoratioren. Josette ist die Bürgermeisterin von Eygalayes und hält eine kurze Rede,. Ein sehr erhebender und ergreifender Moment. Schon während der Schweigeminute können viele ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, egal ob gestandene Franzosen oder Wampen vom Motorradclub. Dann werden Gebinde niedergelegt. Auf der Schärpe des Kranzes des Motorradclubs steht "motoclub antifascite allemande" und, auf französisch "vereint gegen Faschismus, Rassismus und Krieg". Auch eine Marmorplatte, wie es in Frankreich auf Gräber üblich ist, gibt es mit dieser Inschrift. Auf Anraten der Einwohner soll diese fest im Memorial einbetoniert werden. Man hat Ängste vor der Zerstörungswut rechter Gruppen.

25. Februar 1944

Die Nazis hatten weiter in der Gegend gewütet. In der nächstgelegenen Stadt Sederon wurde vor der versammelten Bevölkerung der jüngste Gendarm ausgewählt und erschossen, die Bevölkerung terrorisiert. Weitere Maquisards wurden im Laufe der nächsten Wochen aufgespürt und erschossen. Erst jetzt, drei Tage später, traut sich die Bevölkerung von Eygalayes in einem Trauerzug die Toten am Ort ihrer Erschießung vorbei auf dem nächsten Berg zu beerdigen, auf dem noch heute das Memorial steht. Alfred Epsteins Leichman wurde später exhumiert und in Avignon beigesetzt. Und dort konnte in den 50er Jahren Irene de Cou, geborene Epstein, die 1942 geborene Tochter, ihres Vaters gedenken. Sie lebte später in Strasbourg und erfuhr erst vor kurzem, dass sie damals in der Nähe des Geburtsortes ihres Vaters gewohnt hat.

22. Februar 2014, 16 Uhr 30: Die Motorradgruppe macht auf dem Rückweg Halt am Ort des Erschießung von 1944 . Gemeinsam singt man das italienische Partisanenlied "Bella Ciao". Wieder fließen Tränen.

17 Uhr: Man trifft sich wieder in der Mairie. Alle Beteiligten Gruppen halten Reden, auch Irene de Cou ist gekommen. Sie konnte erst in den letzten Jahren das Schiksal ihres Vaters aufklären. Zum Schluss begeben sich die Mitglieder des Motorradclubs vor das Publikum und singen, mit Akkordeon begleitet, noch einmal die Moorsoldaten. Die letzte französische Strophe singt der ganze Saal gemeinsam, ebenso wie zwei italienische Strophen von "Bella Ciao". Aussage eines Bikers hinterher: "Wir habens gerockt!" Der Abend klingt auf der Ferme von Josette aus mit einem dreigängigen Menü, vielen Gesprächen in vielen Sprachen, Wein, gemeinsamen Liedern und Lachen.

Weiter in 2014 ?

Deutsche Stellen sind mehrmals aufgefordert worden, dieses Massaker juristisch zu sühnen. Die Staatsanwaltschaft und die Aufklärungsstelle in Ludwigsburg haltn sich aber bedeckt. Es habe sich um Totschlag gehandelt, nicht um Mord, sei also verjährt. Die Namen aller beteilgten Deutschen mit Dienstgraden der Division Brandenburg sind bekannt und der Staatsanwaltschaft übergeben. Einige Milizen wurden in Frankreich zu geringen Strafen verurteilt. Die Spur der Maquisverräter verliert sich in der Fremdenlegion.

MC Kuhle Wampe Freiburg
© VVN-BdA Ortenau